Komm den Frieden wecken

Ökumenische FriedensDekade 2025
Bildrechte Ökumenische FriedensDekade e.V.

 

„Frieden wecken – Eine Einladung zur Hoffnung und Verantwortung“ (von Christine Busch)

Ein Impulstext zum Jahresmotto der Ökumenischen FriedensDekade in 2025

Den Frieden wecken – welch ein frommer Wunsch! Als läge er vor unseren Augen wie ein schlafender Riese oder wie ein unschuldiges Kind. Oder wie ein geliebter Mensch, den wir zärtlich anschauen und wachküssen. Als sei er ein pubertierender Jugendlicher mit enormem Schlafbedürfnis, oder ein alter Mensch im Nickerchen. Mir kommen viele Assoziationen in den Sinn. Stimmt es überhaupt, dass der Friede schläft, wenn Kriege und Krisen die Wirklichkeit bestimmen? Dass er nur geweckt werden muss?

Frieden verstehen wir als politisches Ziel; Frieden begreifen wir als mehrdimensionalen Prozess abnehmender Gewalt und zunehmender Gerechtigkeit. Wir differenzieren sorgfältig und sprechen vorsichtig über Frieden angesichts der vielen Phänomene von Unfrieden auf unserer Erde. Wir spüren die Wirkungen von Krieg und Gewalt, in die wir verwickelt sind. Friedlosigkeit greift um sich, soziale Ungerechtigkeit, politische Krisen, wirtschaftliche Machtstrukturen, individuelle und militärische Gewaltbereitschaft bestimmen zunehmend die Realität. Sie zeigen sich in großer Wucht und bewirken enorme Ungewissheiten, die bei vielen Menschen Angst auslösen. Die Vorstellung eines Friedens, den man nur wecken muss, ist ein schwaches Gegenbild.

Komm den Frieden wecken – Aufbruch ist angesagt, Aufstand gegen Ohnmachtsgefühle und Hoffnungslosigkeit, Mut zum Protest, unter Umständen auch zum Widerstand, sowie zum professionellen Umgang mit Konflikten und Krisen. Ich bin sicher, dass das Motto der Ökumenischen FriedensDekade 2025 viele Appelle, Ratschläge und Forderungen an die Zivilgesellschaft und an die Politik freisetzt. Unter dem Motto lassen sich Friedenspotenziale aufzeigen, Friedenserfahrungen vermitteln, Friedensprojekte bewerben. Die große Kompetenz der Friedensfachorganisationen verstehe ich als einzigartigen Weckruf in die Politik und in die Gesellschaft hinein, wie auch als notwendiges Angebot zu einer verantwortlichen Gestaltung unserer Demokratie. Wer sich in diesem Sinne einbringt, wird ein differenziertes Bild vom Frieden zeichnen, wird die Komplexität der gewaltfreien Transformation von Krisen und Konflikten darlegen, wird immer wieder konkrete und praktische Schritte zum Frieden unternehmen. Wer hier engagiert ist, erlebt, wie sich die Beteiligten mit Herz und Verstand, mit emotionaler Intelligenz und Rationalität einbringen, wie sie Wertvorstellungen prüfen und vertiefen, wie sie sich aufmachen Frieden zu leben. In dieser Weise Resonanz hervorzurufen gehört zum Kern von Friedensarbeit. Sie ist getragen von Hoffnung, und sie ist eine Hoffnungstreiberin unter den Bedingungen der Realität.

Wir schreiben Anfang Februar 2025. Trump verändert sein Land durch radikale Eingriffe in demokratische Strukturen und den Umbau des Staates zu einem autoritären System. In Deutschland stehen wir vor Neuwahlen zum Bundestag. Es ist nicht klar, ob die demokratischen Kräfte gestärkt werden. Halbwahrheiten und Unwahrheiten dienen dazu, ethische Grenzen zu verschieben oder gar menschenrechtliche Standards zu versagen. So manche Rede ist vergiftet, weil sie keinen Spielraum zulässt für Annäherungen und Kompromisse. Der politische Ton wird zunehmend rauh, vorwurfsvoll, oftmals respektlos, unversöhnlich, genau genommen: unfriedlich. Auf mancherlei Weise werden Sündenböcke definiert und die Ängste der Menschen geschürt.

Angst ist Gift für die Demokratie, ebenso wie Ausgrenzung, Polarisierung, Schuldzuweisungen an Minderheiten: das ist die These von Martha Nussbaum, einer amerikanischen Philosophin und Jura-Professorin. Als Reaktion auf die erste Wahl Trumps hat sie 2019 ihr Buch „Königreich der Angst“ veröffentlicht. Sie stellt die Kraft der Hoffnung der Angst gegenüber. „Bei der Angst liegt der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit auf dem schlechten Ausgang, der sich ergeben kann, bei der Hoffnung liegt er auf dem guten Ausgang. (…) Die Hoffnung dehnt sich aus und schreitet nach vorn, die Angst schreckt zurück. Hoffnung ist verletzlich, Angst schützt sich selbst.“[1] Martha Nussbaum beschreibt, dass Angst zur Demokratie gehört. „In vielen Bereichen des demokratischen Lebens kann Angst eine nützliche Richtschnur sein, wenn ihr die richtigen Fakten zugrunde liegen. Angst vor Terrorismus, Angst vor unsicheren Autobahnen und Brücken, Angst vor dem Verlust der Freiheit selbst – all diese Ängste können nützliche Schutzmaßnahmen zur Folge haben. Eine auf die Zukunft des demokratischen Systems selbst gerichtete Angst ist allerdings wahrscheinlich gefährlich, da eine ängstliche Einstellung Menschen dazu bringt, nach einem Autokraten zu rufen, der ungewisse Ausgänge für sie kontrolliert und sie beschützt. Martin Luther King wusste, dass eine ängstliche Vorgehensweise bei Fragen, welche die Zukunft der Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft betreffen, genau denjenigen in die Hände spielen würde, die auf Gewalt, auf eine Art Präventivschlag setzten. Seine Betonung der Hoffnung war ein Versuch, den Schalter umzulegen und die Menschen dazu zu bewegen, sich an die Bilder des guten Ausgangs zu halten, die durch friedliche Arbeit und Kooperation verwirklicht werden könnten“[2]

Martin Luther King entwirft bei seiner großen Rede 1963 in Washington DC ein Hoffnungsbild, das wir heute inklusiv verstehen: die Kinder von Sklaven und die Kinder von ehemaligen Sklavenhaltern werden als Geschwister an einem Tisch sitzen. Wir können es ausmalen: essen, sprechen, spielen, diskutieren, streiten am gleichen Tisch. Vor allem: Themen aufnehmen, mit Nachdenklichkeit und Reflexionskraft.

Deutschland 2025: Wir werden erinnern und würdigen, vor 80 Jahren aus dem Nationalsozialismus befreit worden zu sein. Wir werden das allerdings nicht tun können, ohne uns mit dem Antisemitismus der Gegenwart und denen, die ihn nähren, gründlich zu befassen. Wir – das ist die demokratische Gesellschaft und in ihr die christliche wie auch die interreligiöse Friedensarbeit.

Unsere Friedensarbeit ist ein starker Resonanzraum für Argumente und Gefühle, für Verstand und Herz, für Rationalität und Phantasie, für Komplexität und Achtsamkeit. Sie will wach und neugierig machen, und sie besteht auf fairen Mitteln im Streit. Zum Frieden wecken: das ist die Einladung in diesen weiten Raum, in dem viel Arbeit und große Hoffnungen zusammenkommen.

Christine Busch